Der Turmbau zu Bubble.

Filterblasen sind die allfällige Erklärungshilfe für die Probleme unserer Gegenwart: vom Aufschrei des bekehrten Bloggers bis hin zum Abschied des Ex-US-Präsidenten. Die Vorstellung, dass wir uns alle auf unsere Meinungs-Inseln zurückziehen, sobald wir den Ozean Internet erkunden, scheint ein Grundkonsens auch der moderaten Netz-Kritik zu sein. Dabei berufen sich viele weiterhin auf Eli Parisers Buch zum Thema von 2011. (Wobei zu bemerken ist, dass Pariser selbst schon länger dabei ist, die Apologeten seines Buches zu mäßigen.)

Langsam beginnt es jedoch vielen zu dämmern, dass auch die Metapher der Filterblase einfach zu attraktiv war: Mit ihrer Hilfe kann man plötzlich alles erklären, vom Brexit über Trump bis hin zum Aufstieg der AfD – die Rücksichtslosigkeit der Menschheit im Allgemeinen sowieso, genauso wie Depressionen und Einsamkeit. Alles Technik, alles Algorithmus, alles Blase, alles Insel-Leben.

Anhand zweier Beispiele zeigt Michael Seemann: Wer FakeNews verbreitet, hat zumeist durchaus auch die Richtigstellung der Meldung zu sehen bekommen. Er/Sie lebte also gerade nicht in einer Filterblase, sondern entschied sich für eine Weltsicht. (Quelle: Michael Seemann)

No man is an island

In einem aktuellen Artikel argumentiert der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, dass doch eher das Gegenteil der Fall sei: Wir verhalten uns nicht so asozial, inhuman oder ausschließend, weil wir in Filterblasen leben und nur unsere eigene Meinung im Echo zu hören kriegen – sondern weil wir ständig mit einer enormen Fülle an fremden und kritischen Meinungen konfrontiert werden.

„Es ist die unerträgliche Gleichzeitigkeit des Seins, die so auf einem einzigen Kommunikationskanal erlebbar wird, der Schock des Unvereinbaren.“

(Quelle: NZZ)

Seine Pointe: Die Idee, dass es Filterblasen gebe und dass diese wohl irgendwie mit der Funktionsweise von Sozialen Medien zusammenhängen, lenkt uns von unseren eigenen zutiefst menschlichen Problemen ab. Anstatt uns mit diesen auseinanderzusetzen, fordern wir Lösungen von Maschinen/Programmen (z.B. Algorithmen), Konzernen (z.B. Facebook) und der Politik (z.B. DSGVO).

Debattiert man über die Macht von Algorithmen, letztlich über die Dominanz der Maschine über den Menschen, negiert seine Autonomie und damit die Fähigkeit zum verantwortlichen Handeln?

Oder erkennt man an, dass hinter alldem der Mensch steckt, mit seinen Interessen, seinen grossen und kleinen Ideologien, seinen Vorurteilen und seinen selbstgeschaffenen Filterblasen, die in einer vernetzten Welt auf immer andere Filterblasen prallen? Die Verhältnisse zu humanisieren, kann, so denke ich, nur dann wirklich gelingen, wenn man damit beginnt, die eigenen Theorien und Modelle zu humanisieren. Und das hiesse, vom Menschen und von seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu sprechen, also von uns selbst.

(Quelle: NZZ)

Inseln der Verdrängung

Ähnliche Verdrängungs-Arbeit beobachten etwa Psychologen wie Jan Kalbitzer, Michael Schulte-Markwort oder Georg Milzner: Menschen versinken nicht durch Zaubereffekte der Medien in Depressionen oder Einsamkeiten, sondern sie haben meist vielfältige Problemkonstellationen – und für diese sind z.B. Soziale Medien dann eine zunächst sinnvoll erscheinende Kompensation oder Fluchtmöglichkeit. Eine von vielen – wenn auch eine sehr beliebte.

Daher scheint es auch hier eher sinnvoll zu sein, mehr auf die Menschen zu schauen als auf die „Maschinen“.

„Neunzig Prozent der Computerprobleme sind doch Beziehungsprobleme. Und der verbleibende Rest hat damit zu tun, dass fehlt, was ich mediale Mischkost nenne. Dass es nicht förderlich ist, ein Kind allein YouTube gucken zu lassen, kann sich noch der größte Laie zusammenrechnen. Das passiert aber auch, wenn das Kind die ganze Zeit über nur liest. Wenn es keinen Ausgleich gibt, kommt es zu Vernachlässigungen der Muskulatur, des Naturkontakts, der Sozialwelt und so weiter. Aber diese Probleme sind ja nicht erst mit Smart­phones in die Welt gekommen.“

(Quelle: Georg Milzner in der taz)

Digitaler Tribalismus

Der Datenjournalist Daniel Kreil sieht in einer Studie über Twitter dann vor allem ein Erkenntnis-Instrument: Wenn wir mehr darauf schauten, wer warum wie wo mit seiner Meinung aufschlägt, gäbe das wahrscheinlich sinnvollere Erkenntnisse, als wenn wir nur auf die Funktionsweise von z.B. Twitter schauen, um endlich mal wirklich diese Filterblasen zu finden. Wir sollten also nicht bei den Symptomen hängen bleiben:

SPIEGEL ONLINE: Ist der Begriff der Filterblase aus Ihrer Sicht Quatsch?

Kreil: Sicherlich hatten wir eine falsche Vorstellung von der Filterblase. Ich würde sagen, die Filterblase ist nicht die Ursache für wütende Leute. Sie macht vielmehr sichtbar, dass Leute wütend sind. Anders gesagt, die Leute sind schon wütend, bevor sie auf Twitter gehen.

(Quelle: Interview auf SpiegelOnline)

Michael Seemann untersucht genau das. Er wertet die Ergebnisse der Studie in einem Artikel zum „Digitalen Tribalismus“ aus. Auch hier ist die Pointe: Die meisten Menschen kommen schon mit einer Einstellung, einem Filter also, an die Sozialen Medien herangetreten – sie werden gewöhnlicherweise nicht plötzlich islamophob oder chauvinistisch, weil sie seltsame Videos zu sehen bekommen oder nur noch in Filterblasen rumhängen… Aber Menschen möchten gerne eine Identität haben. Und Identitäten macht man eben meistens innerhalb einer Gruppe aus, die einen bestätigend auf die Schulter klopft:

Die Menschen, die daran glauben, dass Hillary und Bill Clinton eine Reihe von Menschen ermorden ließen und die Demokratische Partei einen Kindesmissbrauchs-Ring im Keller einer Pizzafiliale in Washington betreibt, sind nicht einfach dumm oder unaufgeklärt. Sie verbreiten diese Nachricht, weil sie damit die Zugehörigkeit zu ihrer Gruppe signalisieren.

(Michael Seemann: Digitaler Tribalismus)

Genauer:

Tatsächlich wird spätestens seit Jonathan Haidts Bestseller von 2012 „The Righteous Mind – Why Good People Are Divided by Politics and Religion“ moralische (und damit auch politische) Psychologie immer mehr im soziokulturellen Kontext gelesen. Haidt hatte anhand vieler Studien gezeigt, dass wir moralische und politische Entscheidungen einerseits intuitiv, statt rational entscheiden. Diese aber andererseits durch soziale und kulturelle Prägungen geleitet sind. Menschen sind von Natur aus mit einem moralischen Framework ausgestattet, aus dem sich die spezifischen Kulturen und Subkulturen dann eine zusammenhängende Ethik bauen. Kultur und Psychologie „make each other up“, wie es der Anthropologe und Psychologe Richard Shedem ausdrückt.

So… what?

Für Schulen könnte das bedeuten, dass sie zum einen ihre Skepsis gegenüber dem Internet überdenken müssen. Alles deutet darauf hin, dass gerade wir Lehrpersonen viel zu wenig wissen – und noch weniger ausreichend Erfahrungen haben, um als Zeitgenossen zu unterrichten. Und wie sonst sollten wir wissen, was in die Schule, was in die Zeit gehört? Denn mir fällt kaum eine Lehrperson ein, mit der ich über das Thema sprach und die nicht schon einmal die Welt mithilfe von Filterblasen erklären wollte.

Zum anderen erscheint es um so wichtiger, soziale Prozesse – im Kleinen der Klasse wie im Großen der Schulgemeinschaft – zum Thema zu machen. Über die Verwerfungen der Gesellschaft zu sprechen, während Eltern, Lehrpersonen und Schüler einander Blindheit, Inkompetenz, Naivität und Gott-weiß-was vorwerfen, das wird wohl zu nichts führen. Oder zu den alten Verdrängungs-Mechanismen…

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